Digitale Kommunikationskanäle im Investment-Marketing richtig nutzen

Die Zahl der Marketing-Kanäle in der Investmentindustrie ist bereits jetzt beachtlich – wie ergänze ich meinen Mix sinnvoll mit den neuen digitalen Kanälen?

Aus unserer Sicht bietet das digitale Marketing sogar die Chance, das ganze Investment-Marketing effizienter zu strukturieren. Dabei betrachten wir in erster Linie die Kommunikation, denn leider lässt sich das Produkt aus regulatorischen Gründen nicht sofort kaufen. Das führt auch zu einem stärkeren Fokus auf die ohnehin stark umkämpften Zielgruppen Wholesale und Institutional. Amazon und Co haben es da leichter.

Digitales Marketing hat dennoch wesentliche Vorteile: Es ist messbar und es ist automatisierbar. Außerdem lässt es sich besser mit den Sales-Kollegen verbinden als etwa Print-Advertising. Wie kann das funktionieren?

Die Grundvoraussetzung sind Inhalte, die entweder zu einer gezielten Kampagne oder zur Positionierung des Unternehmens gehören. Nicht wie gewohnt das Produkt selbst steht im Mittelpunkt, sondern der Mehrwert des Kunden durch die Nutzung des Produkts ist Gegenstand der Kommunikation.

Diese Inhalte werden im Rahmen einer systematisch gesteuerten Kampagne über alle gewünschten Kanäle verteilt, und eben auch digital in Form von E-Mail Kampagnen, Postings in sozialen Netzwerken und auf der Website oder einer gezielten Landing Page. Als Angebot dienen Whitepapers, Blog-Einträge, Studien, Kommentare, Umfragen, Einladungen und Vieles mehr.

Die Reaktion des Publikums kann wie gemessen werden, z. B. wenn eine Interaktion stattfindet. Im Falle von Printwerbung müsste ein Zusammenhang zwischen einem interessierten Anruf und der Anzeige hergestellt werden – im digitalen Umfeld gelingt dies automatisch.

Im Falle der Investment-Industrie sind wir jedoch beschränkt auf eine Adresse, die hinterlassen wird, weil das Produkt nicht direkt verkaufbar ist – alternativ einen Website-Login. Nun lässt sich die Adresse anreichern mit den folgenden Erkenntnissen:

  • Zahl der Zugriffe auf dieselbe Kampagne
  • Verhalten auf der Landing Page oder am Call to Action
  • Weiterer Journey auf der Website, Ausstiegsseiten
  • Abgleich mit sozialen Netzwerk-Profilen
  • Abgleich mit CRM-System: Ist der Interessent schon als Kunde oder Lead bekannt?

Das Ziel der Maßnahme kann unterschiedlich sein. Offensichtlich ist die Generierung neuer Leads. Das trifft vor allem bei Boutiquen und Neueinsteigern im Markt zu. Da das Fachpublikum im B2B-Marketing aber sehr überschaubar ist, ist bei größeren Organisationen jeder schon als Lead erfasst und hat schon einmal irgendein Produkt angesehen.

Wichtiger sind da schon laufende Sales-Prozesse. Grundsätzlich ist Investment-Marketing kein One-Stop-Shop. Gerade im B2B-Bereich kann die Dauer der Entscheidung bis zu 9 Monaten dauern – für Konsumgütervermarkter wäre das ein Grund zur Verzweiflung. So lange befindet sich der potentielle Kunde im „Funnel“, der daher eigentlich eher ein Zyklus ist. So sieht der Zyklus im Investment-Marketing aus:

Wir jedoch nutzen Content und Online-Marketing, um die Flamme am Köcheln zu halten. Daher ist die Verzahnung zwischen Marketing und Sales so wichtig. Wenn Sales es versteht, die Anreicherung der Adressen mit Interessen der Kunden und Leads zu unterstützen, kann die Marketing-Kommunikation auch spezielle Vorlieben clustern und berücksichtigen – wie etwa besondere Interesse, z. B. an China-Investments, oder Rohstoff-Produkten. Leads bekommen zielgerichtet auf sie zugeschnittene Informationen.

Dies lässt sich automatisch bewerkstelligen. Je nach Kundentyp kann auch angeboten werden, dass sich die Kunden die Interessen selbst auswählen können. Die gemeinsame Datenorganisation in Sales und Marketing würde über so genannte Tags geregelt, was zumindest mit den meisten Online- und Cloud-Systemen problemlos möglich ist, wie in einem früheren Beitrag schon beschrieben.

Bei besonders vielen Interessenten oder Leads kommen noch weitere Clustering-Möglichkeiten in Frage, aber dies wird Gegenstand des nächsten Blogeintrages.

Mit B2C-Fintech lässt sich im Investment-Bereich kein Geld verdienen – oder?

Nach einigen praktischen Erfahrungen, Projekten und zahlreichen Diskussionen mit den Akteuren stellt sich mir die Frage, ob und wie man mit B2C-Fintech im Investment-Bereich überhaupt Geld verdienen kann.

Klassische Strategien, mit denen die Online-Riesen ihre Milliarden scheffeln, sind Produktverkauf, Plattformgeschäft, Subscription-Business, Lead Generation, Influencer-Einnahmen oder einfach nur Google AdSense. Die Margen sind teils schwindelerregend, wenn die richtigen Register gezogen werden. Die Akquise der Kunden erfolgt ebenfalls überwiegend digital, sodass eigentlich nur eine Bilanz zwischen Digital-Werbemaßnahmen und Einstandskosten gezogen werden muss – die Conversionrate regelt das dann. Marketing ist dabei eine strategische Funktion – ohne Digital-Marketing keine Kunden.

Im B2C-Investmentgeschäft sind vor diesen Margen-starken und hoch skalierbaren Geschäftsmodellen klare Hürden gebaut – von der Industrie selbst und auch von der Regulierung her.  Das hat auch massive Auswirkungen auf die Bewertung. Nicht jedem Fintech-Investor ist das klar. Und auch auf die Marketing-Strategie hat dies enorme Auswirkungen.

Der digitale Layer, der Robo

Beim Robo-Advice wird ein vormals physisches Beratungsangebot zu den Investment-Bedürfnissen von Kunden digital abgebildet. Ersetzt wird die menschliche Schnittstelle, die dem Kunden zuvor unter Vereinnahmung einer stattlichen Provision irgendwelche Investment-Produkte verkauft hat. Ersetzt wird auch der künftige Honorarberater. Nach dem US-Vorbildern nutzen auch hierzulande fast alle Robo Advisors kostengünstige ETFs und Indexfonds. Wohlgemerkt: Die Robos bieten externe Produkte an, nicht ihre Eigenen.

Der Kunde landet dann mit seinen Anlagen bei einer Fondsbank, einem Broker oder bei einer Versicherung. Und hier beginnt das Problem: Besonders die Banken hinter den Robo-Advisors stammen aus der alten Welt. Die Robo-Frontends sind modern und schön, die Produkte kostengünstig. Aber alles was danach kommt, hat eine mindestens zwanzig Jahre alte Legacy und ist dementsprechend teuer und ineffizient. Außerdem fehlen allerorten Schnittstellen: Eine universelle Schnittstelle für Fonds-Orders? Fehlanzeige. Zeitnahe Verbuchung von Orders im Kundendepot? Nein, zwei bis drei Tage dauert das schon. Europaweite Umsetzung? Unmöglich, die Plattformen sind alle nationale Inseln.

Leider ist auch nicht absehbar, dass sich hier schnell noch etwas ändert. Man müsste die Backends komplett neu aufbauen. Das schöne Wort Plattform-Banking hat sich ja bereits durchgesetzt. Im Bereich Investment und Fonds ist hier aber noch nichts passiert. Dabei ist das Herumschubsen von Fondsanteilen nicht wirklich schwierig, wenn man es auf Endkunden-geeignete Produkte reduziert.

So bleiben die Robo-Advisors ein hübsches Frontend mit Website und App zu gar nicht günstigen Tarifen. Außerdem sind sie mitnichten so skalierbar, wie bei manchen ja sogar der Name verheißt. Die Unsummen, die ins Marketing fließen, sind schwer zu rechtfertigen.

Die Kosten ließen sich senken, wenn die Robos keine Fremdprodukte nutzen würden, sondern ihre eigenen Kreationen – wie das etwa bei easyfolio versucht wurde, oder wie es bei Meesman ganz gut geklappt hat. Einige Robo-Advisor gehen ins B2B-Geschäft, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Lead-Portal

Lead-Portale sind Marketing-Experten, die anderen Digi-Geschäftsmodellen oder konventionellen Anbietern Kunden zuschanzen. Als Digi-Marketing in reinster Form. Im Versicherungsbereich sind Lead-Portale an der Tagesordnung. Geworben wird immer mit Vergleichen, deren Neutralität fragwürdig ist.

Im Investmentbereich ist dagegen das Eis sehr dünn. Es ist ohne Lizenz nicht möglich, Leads für bestimmte Produkte einzusammeln. Es ist auch von der Abwicklung her gar nicht oder kaum möglich, weil für die Verwahrung der Finanzprodukte ein Depot benötigt wird, und hier gibt es wie oben schon beschrieben keine standardisierten Interfaces.

Aber man kann ja auch Plattformen wie Online-Brokern, Robo-Advisors oder konventionellen Beratern die Kunden zutreiben und von Affiliate-Links oder selbst verhandelten Provisionen leben. Zumal die Akquisekosten besonders bei den Robo-Adisors durch deren Überfinanzierung ins Astronomische abgedriftet sind. Das funktioniert bei einigen Anbietern recht gut. Ein Beispiel wäre brokertest.de oder WhoFinance, beide schon seit geraumer Zeit am Markt.

Pro Lead kann man zwischen 30 und 150 Euro erlösen – wenn der Kunde tatsächlich ein Depot eröffnet. Die Conversion Rates im Investment-Bereich sind jedoch deutlich geringer als in anderen Digi-Zweigen. Die Kunden sind oftmals unkundig und verunsichert. Dem stehen die Marketing-Ausgaben gegenüber, wo man in Konkurrenz zu den bizarr überfinanzierten Robo Advisors steht. Das  große Geld lässt damit also nicht mehr verdienen.

Die soziale Plattform

Im sozialen Bereich ist noch keine gemeinsame Investment-Plattform in Sicht. Für das Trading gibt es das bei Wikifolio, ayondo, etoro oder United Signals. Bei United Signals gibt es Anfänge, die in Richtung social Investing weisen: Dort gibt es zum Beispiel die aufwendigen Musterportfolios von iShares, denen man folgen kann. Alle Anbieter müssen sich wiederum auf die übliche Trading- und Abwicklungsstruktur der Partnerbanken verlassen und sind eigentlich nur eingeschobene Layer, weil die herkömmlichen Anbieter nicht selbst auf die Idee gekommen sind, die Kunden derart anzusprechen. Man hat also keine Preismacht bei der Umsetzung von Konditionen und kann so kaum günstiger sein als ein herkömmlicher Online-Broker. Also wachsen die Bäume auch hier nicht in den Himmel. Da die Partner-Banken selten pan-Europäisch tätig sind, fehlt die Skalierungs-Fantasie.

Die Informationsplattform

Neutral Informationen zu Investments bereitstellen und eine ordentliche Informationstiefe anbieten? In Form von Produktdatenbanken, Content oder Beidem? Einige mutige Anbieter sind derartig unterwegs. Beispiele sind JustETF oder AsiaFundManagers. Wenig Werbung, neutrale Information – das ist der Stoff, mit dem man treue Nutzer und Vertrauen gewinnt. Allerdings fehlt der Hebel, diese vielen Nutzer auch zu kapitalisieren. Die Bereitschaft zu Abo-Fees bei Privatanlegern ist gering.

Auch wenn es sich nicht um Börsen handelt, könnte man vielleicht den Anbietern innerhalb der Plattformen Raum geben für eigene Inhalte und Promotion. Für die Fonds-Anbieter ist das Prinzip noch neu, wie die eigene Erfahrung zeigt. Hohe skalierbare Fees sind hier aber ohnehin nicht zu erwarten.

Um für Orders oder Bestände eine Vergütung einzusammeln, fehlen günstige, standardisierte Anbindungen an die Plattformen, die von den Kunden benutzt werden. JustETF hat hier als Vorreiter Einiges bewegt, muss aber in Märkten außerhalb von Deutschland immer wieder neu anfangen.

Nun wird der Leser einwenden, dass es ja auch Plattformen gibt wie Onvista, Finanzen.net,  Finanzen100 oder Wallstreet Online. Die Aktie von Wallstreet-Online ist im allgemeinen Fintech-hype seit Jahresbeginn wie verrückt gestiegen. Aber der erste Besuch enthüllt, wovon die Plattformen leben: Von Werbung und gesponsorten Inhalten. Das Geschäftsmodell ähnelt also eher einem Verlag und nicht etwa einem Fintech.

Der Fonds-Supermarkt

Eine andere Art von B2C-Plattform bieten Fondssupermärkte. Endkunden können ein Depot über den Supermarkt beantragen und in Fonds investieren. Anlageberatung findet nicht statt, der Kunde wählt selbst aus. Die Kosten sind nur vermeintlich niedrig, denn das Depot liegt immer bei einer der veralteten Fondsplattformen, und die Fonds sind überwiegend aktive Fonds zu hohen Management-Fees.  ETFs sind selten dort erhältlich.

Diese Art von Plattform war bislang nicht im Fokus der Fintech-VCs, obwohl sie schöne Erträge aus Beständen erwirtschaften. Rund 10 solcher Fond-Supermärkte gibt es alleine in Deutschland. Fraglich allerdings, was ab 3. Januar 2018 aus den Bestand-Provisionen wird, die ja künftig kraft MiFiDII-Umsetzungsgesetz mit einem Gegenwert verbunden sein müssen.

Der Finanz-Blogger

Die Blogger teilen das Schicksal der Plattformen, was die Monetarisierung von Kaufentscheidungen bei Investment-Produkten angeht. Der Hebel ist hier nur die Werbung. Also möglichst viele Nutzer akquirieren, Youtube-Werbung schalten und die eigene Seite vollpflastern. Einige Blogger veranstalten nunmehr auch bezahlte Seminare und schreiben Bücher, am bekanntesten wohl der Investment-Punk. Bedingt durch die Persönlichkeit des Bloggers ist das nur schwer auf andere Märkte skalierbar.

Ein Fazit

Solange der Kern der Investment-Industrie noch in den alten Strukturen arbeitet, verspricht ein B2C-Vorhaben zumindest im Investmentbereich wenig Chancen. Das Angebot wird  zu teuer und ist nicht über Ländergrenzen skalierbar. Die nationalen Grenzen gelten auch (noch) für B2B-Ansätze.

Die Digitalisierung im Investment-Bereich wird sicherlich länger dauern als sich viele Startups ausgemalt haben.

 

Jan Altmann

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Robo Advisors verteuern Investment-Marketing – Handlungsbedarf

Robo Advisors sind in aller Munde. Doch das investierte Vermögen hält sich noch in engen Grenzen: Nicht einmal eine Milliarde europäisches Anlegergeld wurde den Startups in den vergangenen zwei Jahren von den Endanlegern anvertraut. Das ist weit weniger, als die Asset Manager an Zuflüssen einnehmen konnten. Für viele etablierte Asset Manager also kein Grund zur Beunruhigung, sollte man meinen. Einige Gesellschaften experimentieren sogar selbst mit disruptiven Geschäftsmodellen, aber die Versuche sind bislang kaum über das Stadium des Prototyps hinaus gekommen.

Womit die Marketing-Kollegen bei den Asset Managern, Vertrieben, ETF-Anbietern und vor allem Direktbanken aber nicht gerechnet hatten: Die Preise für die digitale Bewerbung von Investmentdienstleistungen sind enorm in die Höhe geschossen.

Ein Klick für das Keyword „ETF investieren“ kostet mittlerweile an die 8 Euro. Wer dahinter keinen unmittelbaren Funnel plaziert, sondern nur etwas Markenwerbung machen oder Nutzer auf die eigene Website lenken möchte (wie etwa Carmignac oder die ETF-Anbieter), muss sein Budget erheblich ausweiten.

Schuld ist der Wettbewerb der Robo Advisors untereinander. Wer sich an das „Zero to One“-Prinzip der Internetlegende Thiel hält, muss möglichst schnell Monopolist werden. Das rechtfertigt aberwitzige Bewertungen und damit die Investments der VC-Unternehmen. Da die Robo Advisors allesamt keine bekannten Marken sind, wird ein Großteil der bei VCs eingeworbenen Mittel in Werbung gesteckt. Die Story wurde von einigen Robos wirklich gut an die Investoren verkauft, und so wurden fast 50 Mio. EUR von Scalable eingeworben, obwohl heute nur 400 Mio. EUR Kundenvermögen verwaltet werden.

Man kann davon ausgehen, dass von den rund 200 Mio. EUR in europäische Robo Advisors investierten Eigenkapitals (nicht Assets under Management!) die Hälfte nur für digitale Werbung ausgegeben wird. Wer von den konventionellen Anbietern hat, bittesehr, ein Marketing-Budget in dieser Größenordnung?

Die Kapitalflut und der Wettbewerb führt zur absurden Situation, dass die Kosten pro Investment-Neukunde auf geschätzte 500 bis 800 Euro ansteigen. Das lässt sich aus den am Markt gängigen Conversion-Rates errechnen. Niemals wird daraus ein profitables Geschäft für einen Robo Advisor, außer der betreffende Robo wird langfristig Marktführer und kann die Preise diktieren. Glauben Sie daran? Die VC-Investoren glauben es, das reicht schon.

Was bedeutet das für etablierte Player?

  • Ausgaben für digitales Branding von Investmentprodukten sind kaum noch zu rechtfertigen. Umgekehrt wird eine eigene Markenbekanntheit natürlich wertvoller. Die eigene, bekannte Brand als Keyword ist viel günstiger als generische Keywords. Markenchaos aus der Vergangenheit (Adig, dit, Activest, DeAM/DAM/DWS und viele mehr) rächt sich jetzt allerdings doppelt.Helfen können digitale Informationsportale, die über (preiswerter zu bewerbende) Spezialthemen Nutzer anziehen. So positioniert man die eigene Marke auf der Agenda. Zum Beispiel altii, JustETF, eeetf oder jüngst AsiaFundmanagers.  Oder Finanzblogger, auch wenn hier die Auswahl noch nicht groß ist.
  • Die Kosten für die Neukunden-Gewinnung bei Banken und Beratern werden immer höher. Das lässt sich in Zahlen nicht nur aus den obigen Schätzungen ableiten. Nein, auch die digitalen Leads, die unabhängige Berater kaufen können, werden immer teurer.Umgekehrt heißt das: Bestandkunden oder zumindest Newsletter-Empfänger werden wertvoller. Die brauche ich nicht mehr eigens mit Klick-Werbung zu akquirieren. Also muss ich meine Digital-Kunden (oder Interessenten) möglichst gut pflegen und bearbeiten. In der Anlage- und Bankenbranche ist Kundenpflege keine Selbstverständlichkeit.Vor diesem Hintergrund macht der Deal von ING-DiBa mit Scalable übrigens überhaupt keinen Sinn: Eine bekannte Marke und einer Rekordzahl von Kunden kapituliert vor dem unbekannten, aber überfinanzierten Robo. Es wäre für die ING-DiBa ein leichtes gewesen, eine eigene Maschine zu konzipieren oder einzukaufen.
  • Die Kundengewinnung abseits der digitalen Kanäle erfährt absurderweise eine Renaissance. TV (Deka), Print, Sponsoring etc. Aber das haben die Robo Advisors auch schon gemerkt.Bleibt also nur eine Frage der Zeit, wann Scalable bei Polo-Turnieren als Sponsor auftaucht, oder von Pro Sieben unterstützt mitten im Spielfilm.Helfen können Kooperationen mit etablierten Reichweiten-Garanten. Der Springer-Verlag kooperiert sicherlich lieber mit Deka, Deutscher Bank, iShares oder Allianz als mit einem unbekannten Robo Advisor ohne Track Record.

Höchste Alarmstufe ist also angesagt bei Vertrieben, Online-Brokern und Direktbanken.

Wer jetzt bei Asset Managern meint, dies betreffe ihn ja gar nicht, weil nur professionelle Kunden angesprochen werden: Denken Sie an MifiDII. Das Buddy-Business mit den Fund Buyers funktioniert bald anders. Das war das klare Ergebnis eines jüngsten Projekts bei  mir. Es werden künftig deutlich weniger Brands in den von den Vertrieben präferierten Vermögens­verwaltungen zu finden sein, und die sollten möglichst bekannt sein. Und da fängt es ja schon an.

 

Jan Altmann

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Sales und Marketing wachsen in Zeiten der Digitalisierung zusammen

Die Digitalisierung ist auch im Asset Management eines der Kernthemen, das immer wieder auf die Agenda kommt. Schließlich gibt es ja jetzt die Robo-Adviser, und Blackrock ersetzt Fondsmanager durch Computer-Algorithmen, und der Hochfrequenzhandel und überhaupt.

Nur im B2B (oder Wholesale)-Vertrieb scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – zumindest aus Sicht vieler mir bekannter Asset Manager. Hier werben sehr gut bezahlte Vertriebskräfte um die Aufmerksamkeit und die Mittel einer kleinen Zahl sogenannter Fund Buyers. Diese Fund Buyers findet man in vielen Organisationen, von Versicherungen über Privatbanken, Broker Pools, Dachfonds, Family Offices bis hin zu kleinen Institutionen entscheiden sie über relativ große Mandate für den Einsatz von verhältnismäßig teuren Publikumsfonds.

Sieht man sich das Business genauer an, so ist leicht erkennbar, dass für jedes Land oder jede Region in erster Linie persönliche Kontakte eine große Rolle spielen. Elektronische Kontakte beschränken sich meist auf E-Mails mit Megabyte-schweren Produktpräsentationen in kleiner Schrift. Ungern werden die Kontakte ins Firmen-eigene CRM übertragen.

Spricht man jedoch mit den so genannten Gatekeepern, dann bekommt man leicht den Eindruck, dass die meisten der Fondskäufer den vielen Kontakten gegenüber gar nicht so aufgeschlossen sind und sich viel mehr formalisierte Wege der Ansprache wünschen – oder sich gar hinter ihrer Analysedatenbank verschanzen möchten. Dennoch besteht immer Bedarf an interessanten neuen Angeboten wie etwa internationale Investmentboutiquen, die neu im Markt Fuß fassen.

Schaut man sich die Kundenevents der meisten Asset Manager an, dann sind diese trotz oftmals hochwertiger Sprecher selten gut gefüllt und im Verhältnis zu den Kosten schlecht besucht. Zu den Events der großen Konferenzveranstalter kommen auch meist nur wenige Entscheider – mit wenigen Ausnahmen wie etwa die citywire-Konferenz.

In einem Projekt mit einem mittelgroßen Asset Manager, einem Vollsortimenter, habe ich diese Beziehung hinterfragt und hatte den Auftrag, den Einfluss der Digitalisierung auf den Vertrieb zu prüfen – inklusiver einiger Zielgruppeninterviews. Das Ergebnis waren vier wesentliche Punkte:

  1. Die Ansprache zu Produkten erfolgt künftig zusätzlich stark formalisiert. Die B2B-Entscheider bekommen selbst die Möglichkeit, ihren Informationsbezug zu konfigurieren. Mails und Kontakte erfolgen wesentlich zielgenauer, und außerdem lassen sich Präferenzen ablesen. Dies passiert auf einem ohnehin nur mit Passwort zugänglichen Teil der Website. Sogar Pre-RFP Unterlagen lassen sich so hinterlegen. Zusätzlich wird konsequent mit Anbieter wie InvestRFP zusammengearbeitet.
  2. Die aktive Ansprache zu Marktmeinungen und  Events erfolgt auf der Basis von Persona und Präferenzprofilen. Dabei schätzen die Sales-Kollegen ihre Kontakte ein und ordnen sie Präferenzen und Aktivitätsprofilen zu – die Information wird im CRM standardisiert hinterlegt.
  3. Die Inhalte für die elektronischen Kommunikationsmaßnahmen (Newsletter, Webinar-Einladungen) werden zentral bereitgestellt und mittels einer auf die Profilmuster zugeschnittenen Verschlagwortung effizient verteilt. Die Verschlagwortungen von Kunden und inhaltlichen Maßnahmen sind identisch, so können Sales und Marketing Hand in Hand arbeiten.
  4. Die rein digitalen Absatzkanäle existieren noch so gut wie gar nicht. Dennoch wurden die Robo-Advisors und Fondssupermärkte als digitale Absatzkanäle qualifiziert und werden künftig aktiv betreut.

Zusätzlich könnte man die Präferenzen der Anleger mit einer digitalisierten Potentialschätzung verbinden und Alerts zur Vertriebssteuerung erstellen. Soweit ging das erwähnte Projekt nicht.

Klar wurde auch im Projektverlauf, dass diese Maßnahmen kein Luxus sind. Sobald MiFiDII greift, sind Produkte aufgrund der erforderlichen Transparenz noch viel schwerer im persönlichen Kontakt unterzubringen.

Zur allgemeinen Erleichterung darf gesagt werden, dass die oben beschriebene Maßnahme keine astronomischen Budgets verschlingt. Weder Blockchain noch Artificial Intelligence kommen zu  Einsatz, alles ist mit preislich beherrschbaren Bordmitteln zu bewältigen. Die Technologie dieses Blogs inklusive des Mail-Managements dahinter reicht schon aus. Aufwendig sind die Kundenqualifizierung und die Implementierung der Prozesse durch Sales und Marketing – hier sind Fingerspitzengefühl, Commitment und viel Moderation erforderlich.

Jan Altmann

4asset-management